Im Angesicht des Todes

Vor drei Jahren verlor Gerhard A. Hellmonds seinen einzigen Sohn. Vor einem Jahr fiel seine Frau ins Koma, starb vor vier Monaten. Jetzt gründet der Witwer eine Stiftung für Wachkomapatienten.

 

Wismar (OZ vom 2. April 2002) von Michael Meyer

Wenn er so erzählt, möchte man einfach nur zuhören. Auf einem der braunen Ledersessel in seinem Wohnzimmer. Ein Gläschen Beerenauslese in der Hand, von dem er nur nippt, wenn er so erzählt. Ein 64-Jähriger. Eine bewegte Lebensgeschichte. Viel Erfolg, viel erlebt, viel gesehen. Den wünscht man sich als Opa. Für die Gute-Nacht-Geschichten. Sonorer westfälischer Singsang in der kräftigen Stimme. lebendige Augen, die nicht still stehen.

Wenn er so erzählt, wirkt alles normal. Nur die Ringe irritieren, wenn er so erzählt, und die rechte Hand zum Kinn hebt. Neben dem Ehering hat er einen weiteren. Auf dem kleinen Finger steckt der seiner Frau Helma. Und: die schwarze Krawatte.Zeichen der Trauer.

Am 23. März 1999 gerät die Welt für den Wismarer Unternehmer aus den Fugen. Torsten, der einzige Sohn von Helma und Gerhard A. Hellmonds kommt ums Leben. 25 Jahre jung. Er sollte später mal die "Hellmonds Möbelwerke" in Wismar- Redentin übernehmen. Die trauernden Eltern suchen Halt beieinander und in sozialem Engagement. Seit Jahren unterstützen Sie Waisenkinder in Weißrussland.

Zwei Jahre später der nächste Schicksalsschlag für Gerhard A. Hellmonds. Am 16. März 2001 feiert er noch mit seiner Frau den 40. Hochzeitstag in Paris. Am 30. März bekommt Helma Hellmonds, die unter Bronchialasthma leidet, eine Lungenspastik. Ihr Mann kann ihr nicht helfen. Herzstillstand. Reanimation.

Zu spät. "Der Rettungswagen hat 15 Minuten hierher gebraucht", sagt Hellmonds. Er hat Strafanzeige gestellt.

Seine Frau liegt acht Monate im Wachkoma. Zuerst auf der Intensivstation. Dann in einer Privatklinik in Leezen. Am 29. November stirbt Helma Hellmonds. Ihr Mann hatte sie zwei Wochen zuvor nach Hause geholt. "Sie hat gemerkt, dass sie hier gestorben ist", sagt er. Er hat ihre Hand gehalten.

Aufgeben? Fliehen? Die Brocken hinschmeißen? "Nein, über so was habe ich nie nachgedacht. Das geht doch nicht. An der Firma hängen 150 Menschen und deren Familien." Auch dafür arbeitet er zwölf bis 16 Stunden täglich.

Morgens begrüßt er jeden in der Firma mit Handschlag. Manchmal geht er auch nachts durch die Produktion. Präsent sein. Unternehmer alten Schlages halt. Wenn er Mitarbeiter anspricht, hat das was Väterliches. Der jungen Sekretärin, die den Kaffee serviert, erklärt er: "Erst der Gast. Dann ich." Er lächelt.

Als 13-Jähriger ist Hellmonds in die Tischlerlehre gekommen. Den Kohlenpott hat er quer und hoch vermessen. Als Geselle in Hohenlimburg hat er seine Frau kennen gelernt. Auf der Straße gesehen, angesprochen. Ein Mann der kurzen Wege. Dann Studium der Holzbetriebs-technik in Detmold, Betriebsleiter in einer Firma für Ladenbau in Bühren, Schwerte, Lüdenscheid, Dortmund und Roosbach an der Sieg.

Von 1960 bis 1961 lebt er mit seiner Helma in der Schweiz. 1961 heiraten sie in Stuttgart. Später wohnt die Familie bei Lindau im Allgäu. Dort wird auch Torsten geboren. Hellmonds gründet ein Planungsbüro in Lauf an der Pegnitz: "Jwd im Berchtesgadener Land. Wat willste da machen?" In Konz bei Trier baut er seinen eigenen Betrieb auf.

Hellmonds hat nicht nur den Kohlenpott vermessen, sondern ganz Deutschland. Nach der Wende nimmt er den Osten dazu. Er sagt sich: "Da müssen wir uns einklinken." Und ergänzt: "Wir mussten doch mithelfen." Tut er. 1992 gründet er die Möbelwerke Bad Doberan. 1996 Umzug nach Wismar. Bereits 1990 auf einer Messe in Hannover prasseln die gesammelten Probleme der DDR auf ihn ein. "Eine Mischbatterie war damals ja Goldstaub."

Ob die Möbelwerke eine Goldgrube sind? Sicherlich. Hellmonds produziert für IKEA, hat Läden und Gaststätten in ganz Deutschland ausgestattet. Er hat es geschafft. Beruflich. Finanziell.

Aber der größte Kampf steht ihm noch bevor. Die Trauer. "Ich bin wieder bei 90 Prozent meiner Leistungsfähigkeit. Das steigert sich täglich." Er macht nicht den Eindruck, als sei bei 100 Prozent Schluss.Neben dem Einsatz für die Firma hat er ein soziales Betätigungsfeld gefunden: Wachkomapatienten. In Deutschland gebe es mehr als 3000, in M-V bis zu 400 Patienten, sagt er. Denen und ihren Angehörigen will er helfen, weil er das Leid seiner Frau gesehen hat.

Der Witwer glaubt, dass diese Patienten alles mitbekommen. Medizinisch bewiesen sei das nicht. "Ärzte betrachten Wachkomapatienten ja nicht mehr als lebende Menschen", behauptet er. Das seien lediglich Einnahmequellen, solange die Kasse zahlt. Das tut sie aber nicht sehr lange. Dann müssen Schwerstpflegebedürftige in Pflegeeinrichtungen. Kosten: 4500 Euro monatlich. Die Pflegekasse zahle 1800 Euro. Die Differenz? Sache der Angehörigen.

 "Das können sich die wenigsten leisten. Also holen sie ihre Angehörigen nach Hause", sagt Hellmonds. Für ihn sind die Finanzen nicht das Problem. Er hat sein Haus für 60.000 Euro umgebaut, zwei Intensivstationen eingebaut und fünf Krankenschwestern für seine Frau angestellt. Außerdem holt er Regina Chrupalla und ihren Mann Peter aus Süddeutschland hierher.

Der 35-Jährige liegt nach einem Herzinfarkt vor vier Jahren ebenfalls im Koma. Seine Frau pflegt ihn. Nun leben sie bei Hellmonds in einer Souterrainwohnung.

Gemeinsam wollen Regina Chrupalla und Gerhard Hellmonds eine Stiftung für Wachkomapatienten gründen. Das Stiftungskapital von 150.000 Euro stellt der Unternehmer. Ein Haus in Wismar lässt er umbauen. Die Investition von über einer Million Euro sei gesichert. Im Herzen der Hansestadt soll nach seinen Vorstellungen ein Zentrum für Wachkomapatienten entstehen. Ziel: Angehörige sollen mit den im Koma liegenden Patienten Urlaub an der Ostsee machen können. Der Patient wird versorgt. Der Angehörige kann für ein paar Wochen am Meer, Wismar und Umgebung genießen.

"Viele Betroffene sind arm. Die können sich kein Personal leisten. Diese Menschen gehen nach Jahren der Pflege auf dem Zahnfleisch. Wenn die einkaufen müssen, haben die ein zeitliches Problem", sagt Hellmonds. Er hat das erlebt. Er sieht das bei Regina Chrupalla. "Die ist immer in Hektik", sagt er.

Jetzt will er helfen. Als Lebensziel. Um mit der Trauer zu leben. Um zu Leben.