Der Mensch im Wachkoma als Mitbürger

Ein Mensch im Wachkoma ist unser Mitbürger, er ist „Anrede an die Welt“ (Buber)8 – wie jeder andere Mensch.

Das beschädigte, schwache und sensible Leben des schwerstpflegebedürftigen Mitbürgers im Wachkoma (Phase F des sog. Neurologischen Rehaphasenmodells9

ist wehr- und hilflos. Es ist auf die vorurteilslose Hilfe, Unterstützung, Begleitung, Beistand und aktive Nächstenliebe angewiesen, auf Fürsorge, Respekt, Achtung, Empathie, Vertrauen, Sicherheit, Orientierung, Kommunikation, Verständnis, Deutung und liebevolle Zuwendung – Hilfeleistungen wie sie jedem Menschen zur Erfüllung seiner Grundbedürfnisse und für ein gelungenes Leben zuzusprechen sind: „Ich möchte, dass ich mit meinen Bedürfnissen bemerkt und geachtet werde und dass ich die Wirkungen meiner selbst im körpernahen Dialog mit anderen Menschen spüre.“

Ein Mensch im Wachkoma ist erschöpflich und sensibel. Wie ein Seismograph wird die Umgebung hinsichtlich ihrer Stimmungslage – eher lebensfreundlich oder ehe lebensfeindlich – abgetastet. Er kann – wenn überhaupt – seine Aufmerksamkeit in der Regel nur für kurze Momente auf die Umwelt richten („inselförmiges Erwachen“). Sein Tag-Nacht-Rhythmus ist erschöpfungszeitlich gesteuert. Seine Eigenbewegungen und motorischen Regungen sind oft nur angedeutet und treten ganz langsam in Erscheinung, wie im Zeitlupentempo oder bei einer Schnecke. Seine Reaktionen und Antworten sind für viele auf den ersten Blick kaum zu bemerken und nur schwer zu entschlüsseln. Darum müssen Angehörige und das betreuende Personal oft erst lernen, die winzigen Zeichen und angedeuteten Bewegungen im körpernahen Dialog mit diesen Patienten erst zu entschlüsseln. Wie es eine betroffene Mutter ausdrückte, die ihr Kind im sogenannten apallischen Syndrom seit mehreren Jahren betreut: „Wir alle mussten erst das Lesen im Buch des Körpers unserer Tochter im Wachkoma lernen.“

Menschen im Wachkoma sind keine Sonderfälle, die gleichsam natürlich dazu verdammt sind, am Rande der Gesellschaft, der Gemeinde oder der Familie „dahin zu dämmern“ oder „dahin zu vegetieren“. Sie sind auch nicht ein harter, unverbesserlicher Kern, der an den Rand gedrängt oder ausgegrenzt werden muss, sondern sie gehören in die Mitte des sozialen Lebens. Wenn der Rand zur Mitte wird, ordnen sich die gesellschaftlichen Werte neu und erfährt die Lebensstellung der Letzten und der Schwächsten aller Schwachen eine ihnen gebührende Achtsamkeit, Wertschätzung und Integration in die „Einheit der Menschen in der Menschheit“ (Zieger).10

Wir verbinden dieses umfassende Lebensverständnis von Menschen im Wachkoma ausdrücklich mit der Verletzlichkeit und Endlichkeit unseres eigenen Lebens. Solange ein Mensch lebt, selbst im Sterben, ist er mit Wahrnehmungen, Empfindungen und Bewegungen mit der Umwelt verbunden. Menschen im Wachkoma sind keine „Sterbende“ oder „Hirntote“. Aber selbst bei „Hirntoten“ jedoch können Herzfrequenzveränderungen in Abhängigkeit davon auftreten, ob ein naher Angehöriger zugegen ist oder nicht.11 Diese Erscheinungen geben Auskunft darüber, das zwischenmenschliche Beziehungen auch auf vegetativ-autonomer Ebene möglich sind. Diese Form und Gestaltungsmöglichkeit einer zwischenleiblichen Kommunikation und Beziehung stellen wir gegen das abstrakte Personenkonzept der Nützlichkeitsethik, die den Menschen danach beurteilt, ob er über „Bewusstsein“ verfügt oder nicht. Wir wenden uns gegen Auffassungen der Bioethik, wonach „Bewusstlose“ und andere sogenannte Nichteinwilligungsfähige Lebensschutz und Menschenwürde nicht oder nicht im vollen Umfange beanspruchen dürfen sollen (Singer)12.

Bewusstsein als Qualität menschlichen Lebens lässt sich nicht „messen“, wohl aber jedem Menschen zusprechen, auch dem „bewusstlosen“ Wachkoma-Patienten und einem „bewusstlosen“ Sterbenden, wenn es uns gelingt, eine Beziehung zu ihm aufzunehmen.13 Das Bewusstsein des Menschen verweist auf das Gewissen (lat.: conscientia; engl.: consciousness), das Mit-Wissen, welches unter den Menschen verteilt ist und erst im Leben eines Menschen individuell angeeignet und durch Kultur und Erziehung zur vollen Entfaltung gebracht werden kann. Das moralische Gewissen ist ein Wissen der Menschen untereinander von den guten Handlungen, die Bedeutung für andere haben (Dörner)14.

Menschen im Wachkoma haben uns „Wachgesunden“ und „Normalen“ eine Koma-Erfahrung als tiefe existentielle Erfahrung voraus. Diese Erfahrungen können für uns Außenstehenden weiter bringende existenzielle Erfahrungen sein, die auf Tiefendimension der Existenz des menschlichen Zusammenlebens verweisen, die wir anders sonst nicht erfahren können. Nur indem wir an dem Leben im Wachkoma des anderen teilnehmen, kann unserem eigenen Leben ein neuartiger, bisher nie dagewesener Sinn verliehen werden. Sie verhelfen uns zu einer vertieften Sensibilität für die alltäglichen Grundbedürfnisse und die Sinnfälligkeit ihrer Erfüllung durch ein solidarisches Miteinanderleben. Deshalb haben Menschen im Wachkoma in ihrem So-Sein, in ihrer Existenz, so wie es ist, ein absolutes Recht auf Integration und Teilnahme am Zusammenleben mit anderen Menschen und für uns eine Anleitungskompetenz15 . Diese Auffassung wird durch das Gebot zur sozialen Teilhabe (Participation) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für alle behinderten Menschen unterstützt.16